Kultur

Spätbarocke Raritäten
Von Karla Langehein

Wolfgang Bongratz Foto: gro

Fischbeck. Im vierten Konzert des Orgelfestes legte Bremens Domorganist Wolfgang Bongratz ein im Wesentlichen mit spätbarocken Raritäten bestücktes Programm vor. An seinem Beginn standen zwei charmante Kompositionen des in italienischen Fürstenhäusern beliebten und sogar von Schwedens Königin Christina geschätzten Bernardo Pasquini. Dessen liebliche Pastorale beendete Wolfgang Bongratz mit dem Ruf des Nachtigall-Registers. Eine kleine Kostprobe der bemerkenswerten Register-Vielfalt der Fischbecker Berner/Hillebrand-Orgel. Allerdings konnte Bongratz sie programmbedingt kaum voll auskosten, weil die im Vergleich zu Pasquinis Werken schwerblütige Passacaglia von Georg Muffat große Erweiterungen ebenso wenig wie die acht Fugen des ältesten Bach-Sohnes erlaubt.

Wilhelm Friedemann (1710 bis 1784) ging, dem Urteil vieler Zeitgenossen folgend, in die Musikgeschichte als der begabteste Organist und Improvisator, aber auch als der unglücklichste unter den Bachsöhnen ein. Nach achtzehn Jahren Dienst an der Halleschen Sophienkirche gab er diese sichere Position in der Hoffnung auf eine besser dotierte Stellung in Wolfenbüttel oder Braunschweig auf – eine Hoffnung, die sich trotz seines sogar in Berlin hohen Ansehens nicht erfüllte. Die „Acht Fugen“, ein Spätwerk, das er Anna Amalia, der Schwester Friedrichs II., widmete, spiegelt stilistisch die vermutlich quälende Ambivalenz des Komponisten zwischen dem großen Schatten des Vaters und der längst eingeläuteten Neuzeit. Trotz vieler Anklänge sind diese Fugen im Sinne Bachs längst keine „richtigen“ Fugen mehr, sondern eher fugierte Spielmusiken. Der Bremer Domorganist ließ ihnen eine liebevoll ausgewählte Registrierung angedeihen, die ihren jeweiligen Charakter so wirkungsvoll wie möglich unterstützte.

Auf die Werke des Sohnes folgten die des Vaters: zunächst in duftig-transparenter Registrierung die liebliche Pastorale F-Dur. Im Kontrast dazu steht die gewaltige Passacaglia und Fuge in c-moll. Einziger Einwand: Hier dominierte das während des ersten Werkdrittels ausschließlich im Bass erklingende Ostinato den Gesamtklang auf Kosten des Oberstimmengeflechts so stark, dass der Variationscharakter nur noch schwer durchhörbar war. Insgesamt aber ein sehr interessantes Konzert einer exzellenten Konzertreihe, die schon im dreizehnten Jahr ihres Bestehens zahlreiche Musikfreunde in ihren Bann zieht.

Artikel vom 01.09.2010 - 18.38 Uhr Leserbrief schreiben
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