Kultur

Robinsonade auf einer fiktiven Inselwelt
Von Klaus Zimmer

Hannover. Charles Avery ist ein begnadeter Fabulierer, der es versteht, den Betrachter seiner Werke sogleich auf eine fiktive Insel zu entführen. Fürwahr, wieder einmal ein Volltreffer des Kunstvereins Hannover, zumal der Künstler mit seiner bislang umfangreichsten Präsentation auch sein Debüt in Deutschland gibt. Man sollte sich vielleicht daran erinnern, spätestens nach dem Besuch dieser Ausstellung: Die meisten Bilder, die wir heute sehen, transzendieren sich nicht selbst. Sie bleiben, weil sie zu zahlreich sind, nur auf der Oberfläche und erschöpfen sich im sinnlichen Reiz des Erschreckens. Aber in dem ihnen zugedachten Zusammenhang haben sie keine über die Präsentation hinausweisende Bedeutung.

Ganz anders die „Ansprache“ des schottischen Künstlers Charles Averys (geboren 1973). Durch sein Werk, das er „Onomatopoeia“ nennt, wird er garantiert jeden Besucher in seinen Bann ziehen. Dieser Titel, das sei vorweggenommen, benennt die Hauptstadt einer fiktiven Inselwelt. Ein Name, der eigentlich Lautmalerei bedeutet.

Charles Avery konstruiert seit 2004 mit großformatigen, detailreichen Zeichnungen seine Inselwelt auf einer visuellen und literarischen Ebene. Mit Tusche, Bleistift und Kohle illustriert er Szenen zum Alltagsleben der von ihm geschaffenen Parallelwelt der Insulaner. Kuriositäten, die man einfach gesehen haben muss, die immer wieder Averys überbordender Fantasie entsprungen sind.

Mittelpunkt der Schau ist die überdimensionale, detaillierte Zeichnung des Hafens „View of tue Port of Onomatopoeia“, 2010. Man kann verfolgen, wie gerade eines der zahlreichen Schiffe, die „Utillity“, angelegt hat. Sie bringt Touristen oder Abenteurer ins Land. Der Steg ist bevölkert von einer wirbeligen Masse fantastischer Menschen und hundeähnlichen Silverbobs. Und doch verzichtet Avery auf eine Handlungsebene, die diese Welt in einem narrativen Epos zusammenfassen könnte. Das Bild, man muss es lesen wie ein Buch, ist eine Robinsonade der Charaktere und Besonderheiten.

Es ist aus Platzgründen unmöglich, auf die philosophischen Ideen und Konzepte des Künstlers einzugehen, auf diesen Kosmos skurriler, fiktionaler Realität. Außer den vielen Zeichnungen verdienen die Installationen, Skulpturen (Hutmodell für Einzelgänger) und Objekte besondere Beachtung.

Avery zeigt uns einen Abenteuerspielplatz, über den wir nachdenken sollten – oder den wir mit eigenen Geschichten ergänzen können.

Die Ausstellung „Onomatopoeia“ ist zu sehen im Kunstverein Hannover, Sophienstraße 2, bis zum 7. November 2010, dienstags bis samstags von 12 bis 19 Uhr, sonntags von 11 bis 19 Uhr.

Charles Averys namenloser, Schmuck tragender Hase von 2010. Foto: Raimund Zakowski

Artikel vom 02.09.2010 - 14.42 Uhr Leserbrief schreiben
drucken
Diesen Artikel versenden


   
versenden

Artikel kommentieren






Startseite | Lokales | Überregionales | Sport | Magazin | Kultur | Anzeigenmarkt | Service | Impressum
© Philipp Aug. Weinaug Verlag und Neue Medien GmbH
Eine starke Gruppe: Deister- und Weserzeitung | Pyrmonter Nachrichten | Dewezet Bodenwerder | Schaumburger Zeitung | Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung | Deister-Leine-Zeitung | Neue Deister-Zeitung | Wesio | Weserbergland.Com | Medien 31