Kultur
Ein Pianist mit Hamelner WurzelnVon Karla Langehein
Alexander Schimpf im Haus der Kirche. Foto: geb
Hameln. Vor 725 Jahren verschwanden 130 Hamelner Kinder und kamen niemals wieder. Das ist heutzutage glücklicherweise anders. Da kehren gelegentlich Hamelner (Enkel-)Kinder wenigstens für eine Stippvisite in die Heimat ihrer Eltern und Großeltern zurück. Und wenn alles glücklich verläuft, sind sie groß geworden und bringen etwas mit, was viele Menschen erfreut. Wie am Sonntagabend geschehen, als Alexander Schimpf im Haus der Kirche einen Klavierabend gab.
Dass sich der nun auch mit Podiumsbeleuchtung ausge-stattete und voll besetzte Saal für Kammermusik gut eignet, war die überaus erfreuliche Erfahrung am Rande einer interessanten Begegnung mit dem 28-jährigen Pianisten. Sein Programm führte die Hörer in drei verschiedene Epochen, und Schimpf machte es ihnen leicht, ihm auf diesem Weg zu folgen.
Mit seiner Interpretation der um 1720 komponierten Großen E-Dur-Suite von Händel positionierte er sich auf der Seite jener Pianisten, die der Versuchung widerstehen, historisierend auf dem Klavier Cembalo zu spielen, sondern setzte alle Möglichkeiten seines Instruments ein. Damit erreichte er eine sehr lebendige Wiedergabe dieser barocken Perle. Dass der Preisträger des Internationalen Wiener Beethoven-Wettbewerbs natürlich auch diesen Komponisten im Programm hat, war klar. Schimpf hatte gleich zwei Sonaten aus der mittleren Periode mitgebracht. Beide, die 1809 komponierte zweisätzige Fis-Dur op. 78 und vor allem die sieben Jahre später entstandene op. 101 A-Dur tragen schon die rhapsodischen Züge der späten, bereits in die Gefühlswelt der Romantik hineintastenden Werke. Damit stellen sie ihre Interpreten vor weit gefächerte Gestaltungsaufgaben, die bei aller Texttreue dennoch Raum lassen für unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten. So zauberte Schimpf das einleitende Adagio cantabile der op. 78 tiefgeatmet, spannungsvoll – und setzte dagegen das Triolenthema, dem Beethoven ein „dolce“ verschrieb, in eher spielerische Farben. Auch in der Opus 101 kostete Schimpf den Kontrast zwischen dem martialischen „alla marcia“ und der „innigsten Empfindung“, dem „sehnsuchtsvoll“ und „con affetto“ voll aus.
Vier duftig und klangschön zelebrierte „Lieder ohne Worte“ von Mendelssohn bildeten schließlich die Brücke zu Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 12 cis-Moll. Eine technische Herausforderung für den guten alten Bösendorfer und den Pianisten, die Letzterer glänzend bestand. Zwei Zugaben – das dem Wetter angemessene Prélude von Chopin und eine Scarlatti-Sonate – das perlende Ende des Klavierabends von Alexander Schimpf, dem wiederzubegegnen vielen eine Freude wäre.